Home Assistant gehört keiner Firma, sondern einer gemeinnützigen Stiftung in der Schweiz. Man kann es also nicht einfach verkaufen – auch nicht für einen dicken Scheck an einen großen Konzern. Das klingt erst mal super. Aber wie funktioniert das eigentlich genau und wer bezahlt das alles?
Genau darüber habe ich mit Paulus Schoutsen gesprochen. Er hat Home Assistant 2013 ins Leben gerufen und ist heute Präsident der Open Home Foundation. Auf der IFA stand ich dieses Jahr als Volunteer am Stand der Foundation, und die mit Abstand häufigste Frage dort war: „Open Home Foundation? Nie gehört. Was ist das?“ Höchste Zeit also für ein paar Antworten aus erster Hand!
Unser Gespräch ist auf Englisch, aber im Video findest du deutsche Untertitel, die du einfach in den Einstellungen aktivieren kannst. Und falls du lieber liest, habe ich dir die wichtigsten Punkte hier zusammengefasst.
Was ist die Open Home Foundation?
Vor zweieinhalb Jahren hat Paulus Home Assistant an die neu gegründete Open Home Foundation gespendet. Seitdem gehören der Stiftung die Marke, der Code und alles, was dazugehört. Der Code bleibt natürlich weiterhin Open Source und darf von allen genutzt werden.
Dass der Sitz in der Schweiz liegt, ist kein Zufall. Das Schweizer Stiftungsrecht ist streng – und zwar im positiven Sinne. Laut Paulus kann der Zweck einer Stiftung dort nur enger gefasst werden, niemals weiter. Für die Open Home Foundation lautet dieser feste Zweck: ein Open-Source-Smart-Home rund um Privatsphäre, Wahlfreiheit und Nachhaltigkeit zu bauen.
Das hat für dich ganz konkrete Folgen:
- Niemand kann Home Assistant kaufen oder als Investor einsteigen.
- Die Leitung kann nicht einfach beschließen, für bisher kostenlose Funktionen plötzlich Geld zu verlangen.
- Das gilt nicht nur für Home Assistant, sondern auch für die anderen Projekte unter dem Dach der Foundation, wie etwa Music Assistant.
Paulus bringt es treffend auf den Punkt: Wenn du heute Home Assistant nutzt, kannst du dich darauf verlassen, dass es das System auch in 50 Jahren noch geben wird.
Warum überhaupt eine Foundation?
Die Geschichte begann allerdings schon acht Jahre früher mit der Gründung von Nabu Casa. Bis dahin lief Home Assistant komplett nebenbei – vor der Arbeit, nach Feierabend und am Wochenende. Das skalierte irgendwann einfach nicht mehr. Also riefen Paulus und einige Mitstreiter Nabu Casa ins Leben, um die Entwicklung zu finanzieren: zunächst über die Home Assistant Cloud, später auch durch den Verkauf eigener Hardware.
Etwa zur gleichen Zeit kamen Google Home und Amazon Alexa auf den Markt. Und zwar genau so, wie Big Tech eben in einen neuen Bereich einsteigt: mit eigenen Cloud-APIs, fehlenden Standards und dem Prinzip, dass du an deine eigenen Daten nur noch über deren Geräte und Apps herankommst. Paulus wurde damals schnell klar, dass genau hier die eigentliche Stärke von Home Assistant liegt: ein komplett lokales Smart Home, in dem du jederzeit an deine Daten kommst und damit machen kannst, was du willst.
Nabu Casa wuchs auf rund 50 Leute an, von denen gut zwei Drittel an Open-Source-Projekten arbeiteten. Und genau da lag das Problem: Wenn ein einziges Unternehmen alle Entwickler beschäftigt, sitzt es unweigerlich am längeren Hebel. Die Firma könnte theoretisch vorgeben, dass nur noch an Dingen gearbeitet wird, die ihr nützen. Das ist laut Paulus zwar nie passiert, aber allein die bloße Möglichkeit war ihm schon zu viel.
Also wurde das Machtgefüge kurzerhand umgedreht. Der Großteil des Teams wechselte von Nabu Casa zur Open Home Foundation. Seitdem steht die Foundation an der Spitze, während Nabu Casa als ihr kommerzieller Partner agiert.
Wer bezahlt das alles?
Eine Stiftung braucht natürlich Geld, gerade wenn sie Entwicklung, UX-Design, Produktmanagement und die Community bezahlt. Die Open Home Foundation arbeitet dafür mit kommerziellen Partnern zusammen. Aktuell sind das genau zwei: Nabu Casa für Home Assistant und Apollo Automation für ESPHome.
Besonders spannend sind die strengen Regeln, die für diese Partnerschaften gelten:
- Keine Exklusivfunktionen: Was auf dem Home Assistant Green läuft, läuft genauso auch auf deinem Raspberry Pi. Nabu Casa darf laut Paulus vertraglich keine Funktionen an die eigene Hardware binden.
- Alles geht auch lokal: Home Assistant Cloud – das seit Oktober übrigens Home Assistant Link heißt – ist ein reines Komfortangebot. Alles, was es dir bietet, kannst du dir auch komplett selbst lokal einrichten.
- Ein fester Anteil geht an die Foundation: Laut Paulus fließen 60 % des Gewinns aus jedem verkauften Home Assistant Green direkt an die Foundation. Auch das ist vertraglich fest geregelt.
- Kein Geld von Herstellern: Die Teilnahme am Programm „Works with Home Assistant“ deckt nicht einmal die Verwaltungskosten. Das ist eine bewusste Entscheidung: Wer von Herstellern bezahlt wird, baut irgendwann auch die Features, die die Hersteller wollen.
Dazu kommen noch Spenden von Unternehmen, wie zum Beispiel von Eltako aus Deutschland. Der gesamte Rest kommt direkt von uns Nutzern.
Privatsphäre, Wahlfreiheit, Nachhaltigkeit: Was heißt das konkret?
Die drei Werte klingen vielleicht erst mal nach einem typischen Leitbild-Poster. Paulus hat sie im Gespräch aber ziemlich handfest erklärt:
- Privatsphäre: Ein Gerät in deinem Zuhause sammelt deine Daten – und nicht die des Herstellers. In Home Assistant bleibt deshalb standardmäßig alles lokal. Wenn du deine Daten mit einer KI oder mit Google Home teilen willst, geht das natürlich. Aber eben nur, wenn du es aktiv einschaltest.
- Wahlfreiheit: Kein einziges Gerät soll darüber bestimmen, welches du als Nächstes kaufen darfst. Jedes Zuhause ist individuell, selbst wenn das Nachbarhaus exakt baugleich ist. Genau deshalb brauchst du viele verschiedene Geräte, die trotzdem nahtlos zusammenspielen. Dafür engagiert sich die Foundation bei offenen Standards wie Zigbee, Z-Wave und Matter und baut eigene Open-Source-Umsetzungen.
- Nachhaltigkeit: Ein Thermostat sollte 20 oder 30 Jahre halten, nicht nur fünf. Wenn du 60 Smart-Home-Geräte im Haus hast, willst du die schließlich nicht alle paar Jahre wegwerfen müssen. Geräte sollen reparierbar sein und dir beim Energiesparen helfen – zum Beispiel, indem dein Auto nur mit überschüssigem Solarstrom lädt. Paulus sieht darin keinen „Hippie-Kram“: Es spart dir schlichtweg Zeit, Geld und am Ende auch Ressourcen.

Am greifbarsten wird das beim Programm „Works with Home Assistant„. Zertifizierte Geräte sind so gebaut, dass sie mindestens zehn Jahre lang funktionieren können – selbst dann, wenn der Hersteller pleitegehen sollte. Eine Cloud darf es zwar geben, aber nur für optionale Extras. Ein Gerät, das ohne Cloud gar nicht erst funktioniert, wird laut Paulus niemals zertifiziert.
Wer trifft die Entscheidungen?
Paulus beschreibt die Foundation als eine „Community aus Communitys“. Home Assistant ist dabei die mit Abstand größte, aber daneben gibt es eigene Communitys rund um Projekte wie Z-Wave JS, matter.js oder Music Assistant.

Die Struktur sieht von oben nach unten so aus:
- Vorstand: Er kümmert sich um die langfristige Strategie. Dazu gehören Paulus, Pascal Vizeli, J. Nick Koston und – mit Trevor Schirmer – ein rotierender Sitz für die kommerziellen Partner.
- Leadership Committee: Es führt das Tagesgeschäft und setzt die Jahresziele. Dieses Jahr lautet das Ziel zum Beispiel „No device left behind“: Das bringt dir Unterstützung für Infrarot, Funk, serielle Geräte und Modbus; LoRaWAN folgt auch noch.
- Abteilungen: Home Assistant läuft unter der Leitung von Frenck, der Bereich „Ecosystems“ unter Marcel für alle weiteren Projekte, dazu kommen Marketing und Community. Jedes Projekt innerhalb von Ecosystems hat dabei eine eigene Leitung.
Die eigentliche Arbeit machen aber die Freiwilligen. Laut Paulus haben im Jahr 2024 rund 21.000 Menschen zu Home Assistant beigetragen – die meisten genau an den Teilen, die sie selbst nutzen. Die Foundation versucht, diese immense Energie in eine gemeinsame Richtung zu lenken. Paulus nennt das treffend „Katzen hüten“. Wenn du einen Beitrag einreichst, wird geprüft, ob er zu den drei Werten und zur Vision für den jeweiligen Bereich passt. Ist das der Fall, wird er übernommen.

Ein schönes Beispiel dafür ist der Partymodus in Music Assistant. Ein Nutzer wollte einfach, dass seine Gäste per QR-Code Songs zur Playlist hinzufügen können, und hat es kurzerhand selbst gebaut. Heute ist dieses Feature für uns alle verfügbar.
Das größte Missverständnis
Die meisten wissen schlichtweg nicht, dass es die Open Home Foundation überhaupt gibt. Und wer schon davon gehört hat, hält sie oft für ein typisches Start-up, das irgendwann verkauft wird und dann Bezahl-Upgrades einführt. Beides ist laut Paulus schlichtweg falsch. Die Foundation ist komplett gemeinnützig und wird eben nicht von Investoren, sondern direkt von uns Nutzern finanziert.
Das Geld fließt dabei längst nicht nur in die reine Entwicklung. Die Foundation organisiert Community Days, hilft Leuten dabei, auf Konferenzen zu sprechen, und schickt Entwicklern Testgeräte. Wenn du also eine Integration betreust und ein bestimmtes Gerät für einen Bugfix brauchst, kannst du dich direkt bei der Foundation melden.
Auch in Sachen Transparenz geht die Foundation ungewöhnlich weit. Im Merch-Shop siehst du ganz genau, wie viel deines Geldes an die Foundation, in den Versand und in die Kleidung selbst fließt. Und ganz unten auf den Projektseiten findest du die öffentlichen Besucherstatistiken – natürlich datenschutzfreundlich und selbst gehostet.
So kannst du die Foundation ganz konkret unterstützen:
- Home Assistant Link abonnieren (ehemals Home Assistant Cloud genannt)
- Offizielle Hardware kaufen, wie etwa den Home Assistant Green
- Im Merch-Shop einkaufen
Und wie viele Automationen sind bei Paulus kaputt?
Zum Abschluss wollte ich wissen, wie viele Automationen eigentlich beim Gründer von Home Assistant gerade nicht funktionieren. Die ehrliche Antwort: genau drei. Die Bewässerung löst zwar aus, aber der Rasensprenger bleibt aus. Das smarte Rollo am Dachfenster seines Sohnes ist nachts nicht zugegangen. Und eine Automation für die Jalousien hing fest, weil ein Befehl nie zurückkam und der Modus auf „single“ stand.
Irgendwie beruhigend, oder? Und genau so entstehen laut Paulus viele Verbesserungen: Er stößt selbst als Nutzer auf etwas, das nicht rund läuft, und repariert es dann einfach für uns alle.
Mein Fazit
Mich hat vor allem überrascht, wie konsequent das Ganze aufgebaut ist. Home Assistant kann nicht verkauft werden, Hersteller können sich keinen Einfluss erkaufen, und finanziert wird das alles direkt von uns Nutzern. Das ist für dich ein ziemlich guter Grund, beim nächsten Hardware-Kauf oder Abo kurz darüber nachzudenken, wo dein Geld eigentlich landet.



