Er leitet Home Assistant – und hatte selbst kein Smart Home: Franck Nijhof im Interview

Franck Nijhof leitet das Home-Assistant-Projekt. In der Community kennen ihn die meisten einfach als Frenck – oft aus den monatlichen Release-Party-Streams. Was allerdings kaum jemand weiß: Als er anfing, bei Home Assistant mitzuarbeiten, besaß er selbst überhaupt kein Smart Home.

Ich habe mich knapp eine Stunde lang mit Frenck unterhalten. Wir haben über seinen ungewöhnlichen Einstieg gesprochen, über die Frage, ob Home Assistant für Einsteiger immer noch zu kompliziert ist, sowie über KI, die ständigen Umbenennungen und natürlich sein eigenes Smart Home.

Das Gespräch haben wir auf Englisch geführt, aber im Video kannst du dir deutsche Untertitel dazuschalten. Die wichtigsten Punkte findest du hier im Beitrag übersichtlich zusammengefasst.

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Das volle Interview mit Franck (knapp 60 Minuten) findest du auf YouTube mit deutschen Untertiteln

Aus Langeweile zu Home Assistant

Die meisten von uns kennen diesen typischen Weg: Man fängt mit ein paar Philips-Hue-Lampen an, fragt sich dann, ob da nicht noch mehr geht – und steckt plötzlich knietief im Kaninchenbau. Bei Frenck lief das völlig anders.

Sein Sohn war gerade frisch auf der Welt, die Tochter schlief, seine Frau ruhte sich aus. Es war komplett still im Haus und Frenck saß gelangweilt auf dem Sofa. Da er als Entwickler schon vorher an großen Open-Source-Projekten mitgewirkt hatte, suchte er sich einfach ein neues Projekt und stieß dabei auf Home Assistant. Er hatte keine Ahnung, was das genau war, verstand aber ein offenes Issue und behob es kurzerhand.

Die Leute bedankten sich bei ihm, und genau das hat ihn sofort gepackt. „Es war die Community, nicht das Smart Home“, erzählt Frenck. Tatsächlich hatte er in seinem ersten Jahr beim Projekt weder ein Smart Home noch eine eigene Home-Assistant-Installation am Laufen.

Sein Weg zum Vollzeitjob ergab sich später über Discord. Während er in der Mittagspause seines alten Jobs mal wieder an Home Assistant schraubte, fragte Pascal Vizeli ihn, ob er nicht zu Nabu Casa wechseln wolle. Frenck zögerte zunächst: Er hatte Kinder, ein Haus und einen guten Job. Heute ist er einfach nur froh, dass er den Sprung gewagt hat.

Übrigens geht auch ein echtes Stück Home-Assistant-Geschichte auf seine Kappe: 2020 führte Frenck die Regeln ein, durch die Home Assistant heute viel stärker auf die Einrichtung per Benutzeroberfläche (UI) setzt. Wer damals schon dabei war, erinnert sich an diese Phase sicher noch als das legendäre „YAMLgate“.

Ist Home Assistant noch zu kompliziert?

Frencks Antwort darauf ist erfrischend ehrlich: Ja, an vielen Stellen definitiv. Verglichen mit 2018, als man fast alles per YAML lösen musste, liegen natürlich Welten dazwischen. Aber aus heutiger Sicht gibt es einfach noch einiges zu tun.

Schon die Installation auf einem Mini-PC bezeichnet er schlicht als „furchtbar“. Festplatte ausbauen, Image herunterladen, mit Zusatzsoftware flashen – das ist wirklich nichts für Leute ohne technischen Hintergrund. Und selbst wer das schafft, starrt beim ersten Start auf ein leeres Dashboard und fragt sich: Und was mache ich jetzt? Laut Frenck ist ein neuer Installer aber bereits in Arbeit. Zudem kümmern sich mittlerweile drei Leute in Vollzeit um die Dokumentation.

Auf die Frage, wie man Einsteigern das Leben leichter macht, ohne den Profis ihre Werkzeuge wegzunehmen, hat Frenck ein schönes Bild parat: Man muss den Boden senken, ohne gleichzeitig die Decke abzusenken. Ein gutes Beispiel dafür sind die Trigger-IDs im Automationseditor: Die lassen sich mittlerweile ganz bequem per UI auswählen, aber unter der Haube ist weiterhin alles machbar.

Noch ein Beispiel: Frenck hat das Wort „advanced“ (fortgeschritten) komplett aus Home Assistant verbannt. Denn wer entscheidet eigentlich, ab wann jemand wirklich fortgeschritten ist? Statt Optionen so abzustempeln, werden sie jetzt lieber eingeklappt. Es ist alles noch da – nur eben deutlich weniger überwältigend.

Warum ständig Dinge umbenannt werden

Aus Add-ons wurden Apps, aus der Home Assistant Cloud wird Home Assistant Link. Das macht viele in der Community inzwischen etwas müde, und das ist Frenck auch durchaus bewusst. Für ihn steckt dahinter aber ein viel größerer Plan, denn Namen wecken Erwartungen. Wer etwa „Entwicklerwerkzeuge“ liest, selbst aber gar kein Entwickler ist, klickt dort erst gar nicht drauf – obwohl sich dahinter extrem nützliche Funktionen verbergen.

Klar, einzeln betrachtet wirkt jede Umbenennung erst einmal willkürlich. Im großen Ganzen ergibt sich für Frenck jedoch ein klares Bild: Home Assistant soll einfach für alle verständlicher werden.

Für Leute wie mich, die Videos, Blogbeiträge und Bücher schreiben, ist das ehrlich gesagt manchmal echt hart. Kaum hat man etwas ausführlich erklärt, heißt es schon wieder anders. Dennoch kann ich die Gründe gut nachvollziehen. Und Frenck hat im Gespräch bereits angedeutet, dass noch weitere Umbenennungen anstehen.

KI im lokalen Smart Home

Home Assistant steht wie kaum ein anderes System für absolute lokale Kontrolle. Wie passt da künstliche Intelligenz ins Bild, die ja meistens in der Cloud läuft? Frenck sieht das sehr pragmatisch: Home Assistant ist nicht puristisch. Das System soll dir immer die Wahl lassen. Auch die Wettervorhersage kommt schließlich aus der Cloud, ohne dass sich jemand daran stört.

Bei KI schauen die Leute allerdings genauer hin – und das findet er auch völlig richtig so. Sein Rat dazu: Such dir einen Anbieter, dem du vertraust, und schalte konsequent die Optionen ab, durch die deine Daten zum Training genutzt werden. Wenn dir keiner passt, bleiben dir immer noch lokale Modelle.

Diese sind laut Frenck mittlerweile wirklich ordentlich, brauchen aber eben noch enorm viel Leistung und teure Hardware. Er geht davon aus, dass sich das ändern wird, sobald der aktuelle KI-Hype etwas abflacht und Effizienz wieder stärker in den Fokus rückt. Bis es so weit ist, lautet sein Tipp: Einfach mal zurücklehnen, ausprobieren und Spaß damit haben – aber ganz bewusst entscheiden, welche Daten man teilt.

Lokale KI geht mit Home Assistant natürlich auch. Hierzu habe ich den aktuellen Stand kürzlich erst zusammengefasst:

Frencks eigenes Smart Home

Heute hat Frenck natürlich ein eigenes Smart Home – und zwar eines, in dem so ziemlich alles steckt. Er nennt es sein größtes Home Lab. Er mischt dort ganz bewusst Geräte und Hersteller, um in der Praxis so viel wie möglich selbst kennenzulernen:

  • Zigbee: Seine Beleuchtung läuft mit Philips Hue über die Hue Bridge Pro, alles andere steuert er über ZHA. Da die Foundation ZHA selbst entwickelt, will er es logischerweise auch im Alltag nutzen.
  • Z-Wave: Hier hat er rund 30 Geräte im Einsatz, vor allem Schalter und Dimmer. Aus seiner Sicht extrem zuverlässig, in Europa aber eher selten anzutreffen. In den USA ist Z-Wave dagegen absoluter Standard.
  • Matter: Läuft bei ihm mittlerweile auch, allerdings erst nach einigem Aufwand durch sein aufgeteiltes Netzwerk. Seine Einschätzung: Wer kein kompliziertes Netzwerk hat, kann Matter heute schon gut nutzen.
  • Modbus: Nutzt er für seinen Wechselrichter, um den PV-Überschuss clever ins E-Auto zu laden.

Für Einsteiger hier in Europa hält Frenck Zigbee übrigens nach wie vor für den zugänglichsten Standard.

Noch ein kleines Detail, das mich wirklich überrascht hat: Frenck installiert jeden Morgen die aktuelle Entwicklerversion von Home Assistant. Wenn etwas kaputtgeht, will er es als Erster merken – und nicht erst wir Nutzer.

Völlig unterschätzt: Szenen

Auf die Frage, nach dem unterschätztesten Feature musste Frenck nicht lange überlegen: Szenen. Viele von uns basteln riesige Automationen, um einen Raum Schritt für Schritt in einen bestimmten Zustand zu versetzen. Dabei geht das mit einer Szene, die man einfach aufruft, viel leichter.

Sein Beispiel dafür ist das Licht im Flur: Nachts soll es dunkel sein, morgens brauchst du sanftes Licht und tagsüber soll es schön hell sein. Anstatt das nun alles in eine große Automation zu packen, legst du dir einfach drei Szenen an und rufst die jeweils passende auf. Das lässt sich dann flexibel per Knopfdruck im Dashboard oder über Sprache auslösen. Das funktioniert natürlich nicht nur mit Licht, sondern auch mit Thermostaten und anderen Geräten. Ein Filmabend ist so nur noch einen einzigen Klick entfernt.

Besonders praktisch findet er dynamische Szenen. Mit denen kannst du den aktuellen Zustand kurz speichern, etwas ändern (zum Beispiel für eine Benachrichtigung) und danach exakt alles wiederherstellen.

Szenen sollten für dich dank folgendem Beitrag ja nichts Neues sein:

Spook: Frencks Labor

Nebenbei entwickelt Frenck auch noch Spook – eine Erweiterung, die er sein Labor nennt. Die meisten kennen Spook, weil es Fehler im eigenen Setup findet, beispielsweise Automationen, die auf nicht mehr existierende Entitäten verweisen. Spook bringt aber auch über 100 zusätzliche Aktionen und Trigger mit.

Was sich dort bewährt, kann später fest in Home Assistant landen. Ein Kandidat dafür ist laut Frenck eine Cooldown-Funktion: Damit könnte eine Automation nach dem Auslösen für eine bestimmte Zeit gesperrt werden.

Meine Leser kennen Spook ja schon durchaus länger (2024):

HACS wird Marketplace

Am Ende des Gesprächs hat Frenck den Spieß dann einfach mal umgedreht und mich gefragt, worauf ich mich freue. Danach verriet er mir, worauf er sich selbst am meisten freut: HACS soll laut Frenck direkt in Home Assistant einziehen – unter dem neuen Namen Marketplace. Der Name sei ganz bewusst so breit gewählt. Heute stecken dort nur Community-Erweiterungen drin, künftig könnten auch Integrationen von Herstellern oder von Home Assistant selbst dazukommen.

Und wie viele Automationen sind kaputt?

Dieselbe Frage hatte ich ja auch schon Paulus gestellt. Frencks Antwort: Genau eine. Und woher er das so genau weiß? Spook hat es ihm gemeldet.

Mein Fazit

Am meisten hat mir gefallen, wie offen Frenck über die Schwächen von Home Assistant spricht. Er schönt absolut nichts, wenn es um Einsteiger geht, hat aber trotzdem einen klaren Plan, wie es besser werden soll. Und seine Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass man nicht programmieren muss, um zu Home Assistant beizutragen. Ein Video, ein Blogbeitrag, eine Antwort im Forum oder ein Bugreport zählen am Ende genauso viel.

Wie bist du zu Home Assistant gekommen? Und hast du Szenen bei dir schon im Einsatz? Schreib es mir gerne in die Kommentare des Videos oder drüben im Forum.