Kaum ein Smart-Home-Thema wird seit Jahren so durchs Dorf getrieben wie Matter. Amazon, Apple und Google feiern den Standard unermüdlich als die große Lösung für ein heillos fragmentiertes Smart Home – und ja, technisch steckt unter der Haube tatsächlich einiges, das richtig spannend ist. Aber als jemand, der sein Smart Home seit Jahren auf Home Assistant aufbaut, habe ich beim Thema Matter immer auch eine gehörige Portion Skepsis im Gepäck. In diesem Beitrag räume ich mit den üblichen Marketing-Floskeln auf, erkläre euch die Technik dahinter wirklich verständlich – und sage euch ganz ehrlich, an welchen Stellen ich den Standard für massiv überbewertet halte.
Und hier findest du meinen „Rant“ auch als kurzes Video:
Das Problem, das Matter eigentlich lösen soll
Lange Zeit glich das Smart Home einem babylonischen Sprachgewirr. Wer früher Philips Hue nutzen wollte, brauchte zwingend die eigene Bridge, die dann wieder mühsam separat mit Alexa, Google Home oder Apple HomeKit verknüpft werden musste. Für jede einzelne Plattform war eine eigene, vom Hersteller gepflegte Integration nötig. Für uns Nutzer hieß das in der Praxis oft: Ein Gerät war im schlimmsten Fall nur mit der unübersichtlichen App des Herstellers oder auf einer ganz bestimmten Plattform vernünftig nutzbar.
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Genau aus diesem Schmerz heraus haben sich 2019 ausgerechnet Amazon, Apple und Google an einen Tisch gesetzt, um gemeinsam an einem neuen Standard zu arbeiten. Das klingt im ersten Moment nach einer wunderbaren, romantischen Kooperation. Man kann es aber auch deutlich nüchterner betrachten: Drei der größten Tech-Konzerne der Welt haben schlichtweg gemerkt, dass sie sich mit ihren geschlossenen Ökosystemen gegenseitig im Weg stehen – und dass ein gemeinsamer Standard am Ende allen Beteiligten mehr Hardware verkauft.
Was ist Matter eigentlich und wie hat es sich entwickelt?
Ganz wichtig vorab: Matter ist keine neue App, sondern ein offener, lizenzfreier Kommunikationsstandard – quasi eine gemeinsame Sprache für Geräte, Apps und Sprachassistenten. Vorangetrieben wird das Ganze von der Connectivity Standards Alliance (CSA), die viele von euch vielleicht noch unter dem alten Namen Zigbee Alliance kennen. Ursprünglich lief das Projekt unter dem Namen CHIP („Connected Home over IP“, GitHub: https://github.com/project-chip/connectedhomeip/), bevor es 2021 dann offiziell in Matter umgetauft wurde.
Wenn man sich die Versionshistorie ansieht, erkennt man gut, wie stückweise (und teils zäh) sich der Standard in der Realität entwickelt:
GrĂĽndung & Vorlauf
- Dezember 2019: Alles beginnt mit der Ankündigung des Projekts „Connected Home over IP“ (CHIP). Die treibenden Kräfte hinter dieser Initiative sind Amazon, Apple, Google, Comcast/SmartThings und die damalige Zigbee Alliance.
- Mai 2021: Aus dem Projekt CHIP wird offiziell „Matter“. Im Zuge dessen benennt sich auch die Zigbee Alliance in die Connectivity Standards Alliance (CSA) um.
- 2021–2022: Pandemiebedingte Verzögerungen machen dem Zeitplan einen Strich durch die Rechnung. Der ursprünglich für Ende 2021 angesetzte Launch muss mehrfach nach hinten verschoben werden.
Die groĂźen VersionssprĂĽnge
- 4. Oktober 2022 – Matter 1.0: Der offizielle Startschuss! Die erste Spezifikation bringt Unterstützung für die wichtigsten Basis-Gerätetypen mit: Lampen, Steckdosen, Schlösser, Sensoren, Thermostate, Rollläden und Bridges.
- Mai 2023 – Matter 1.1: Dieses Update liefert zwar keine neuen Gerätetypen, bringt dafür aber wichtige Verbesserungen bei den Zertifizierungsprozessen und einen optimierten Support für „schlafende“ Batteriegeräte.
- Oktober 2023 – Matter 1.2: Ein ordentlicher Sprung mit gleich neun neuen Gerätetypen. Der Fokus liegt hier klar auf Haushaltsgeräten – ab sofort sind Kühlschränke, Geschirrspüler, Waschmaschinen, Saugroboter, Raumklimageräte, Rauch- und CO-Melder, Luftqualitätssensoren, Luftreiniger sowie Ventilatoren mit an Bord.
- Mai 2024 – Matter 1.3: Der Standard lernt den Umgang mit Wassermanagement (etwa für smarte Ventile) und EV-Ladepunkten für E-Autos. Zudem feiern hier die ersten Energie-Management-Funktionen ihre Premiere.
- 5./7. November 2024 – Matter 1.4: Im Mittelpunkt stehen „Enhanced Multi-Admin“ und die Einführung einer neuen Geräteklasse: „Home Routers & Access Points“, welche WLAN-Access-Points und Thread-Border-Router kombiniert. Gleichzeitig wird das Energie-Management massiv ausgebaut und deckt nun auch Solaranlagen, Batteriespeicher, Wärmepumpen und Warmwasserbereiter ab.
- 7. Mai 2025 – Matter 1.4.1: Ein kleineres Feature-Update, das praktisches NFC-Onboarding und ein Multi-Device-Setup einführt.
- 11. August 2025 – Matter 1.4.2: Ein Update im Zeichen der Sicherheit und Stabilität. Ab diesem Zeitpunkt müssen Border-Router und die zugehörige Netzwerk-Infrastruktur zwingend für Thread 1.4 zertifiziert sein.
- 20. November 2025 – Matter 1.5: Endlich Kameras! Diese werden ab sofort via WebRTC unterstützt. Zudem gibt es nun vereinheitlichte „Closures“ für alles, was sich schließen lässt (Rollläden, Markisen, Tore, Garagentore), Support für Bodensensoren im Smart Garden und TCP-Unterstützung für Video-Streams sowie Firmware-Updates.
- 2. Dezember 2025 – Matter 1.5.0.1: Ein klassisches Bugfix-Release, um kleinere Fehler der Version 1.5 auszubügeln.
- 31. März 2026 – Matter 1.5.1: Ein wichtiges Wartungsupdate mit starkem Kamera-Fokus. Es bringt Multi-Stream-Unterstützung, HEIC-Snapshots, HLS/DASH, ein verbessertes PTZ (Pan-Tilt-Zoom) und den nötigen Feinschliff für smarte Türklingeln und Gegensprechanlagen.
- 17. Juni 2026 – Matter 1.6 (aktuell): Zwar gibt es in der aktuellen Version keine neuen Gerätetypen, dafür aber spannende Neuerungen unter der Haube. Ein NFC-Commissioning ist nun schon vor dem eigentlichen Einschalten der Geräte möglich. Zudem ersetzt „Joint Fabric“ das bisherige Multi-Admin – anstatt weiterhin getrennte Fabrics für jedes Ökosystem pflegen zu müssen, gibt es nun ein gemeinsames Netzwerk mit einem zentralen Datastore. Thermostate arbeiten jetzt mit Vorschlägen anstatt mit harten Direktbefehlen. Parallel dazu erscheint die neue „Product Security 1.1“-Spezifikation.
Das Ganze erinnert fast ein wenig an die jährlichen Release-Zyklen von Smartphones. Nur dass ein „bahnbrechendes neues Feature“ bei Matter eben oft einfach bedeutet: Der Geschirrspüler ist jetzt offiziell in der Lage, dir mitzuteilen, dass er fertig ist.
Die Technik dahinter: IP, Cluster und drei Wege ins Netz
Matter basiert grundlegend auf IPv6. Das bedeutet, dass jedes Gerät eine eigene Adresse in eurem lokalen Netzwerk bekommt und dadurch direkt ansprechbar ist – völlig unabhängig davon, über welchen Transportweg die Daten fließen. Damit sich die Geräte im Netzwerk finden, nutzt Matter mDNS (Multicast DNS), was ihr vom Prinzip her vielleicht schon von Technologien wie AirPlay oder Chromecast kennt.
Auf der technischen Ebene bestehen Matter-Geräte aus sogenannten „Nodes“ (Knotenpunkten), die wiederum „Cluster“ enthalten. Diese Cluster sind standardisierte Befehlsgruppen – zum Beispiel „On/Off“ für das Schalten einer Lampe oder „Level Control“ fürs Dimmen. Weil nun völlig unterschiedliche Hersteller exakt dieselben Cluster nutzen, lassen sich ihre Geräte auch absolut einheitlich steuern.
Mein persönlicher Merksatz dazu: Matter ist die gemeinsame Sprache. Wi-Fi, Ethernet und Thread sind lediglich die Straßen, auf denen diese Sprache transportiert wird.
Besonders spannend ist dabei für uns Home-Assistant-Nutzer das Thema Thread. Das ist ein extrem stromsparendes Mesh-Funknetzwerk, das auf derselben Funktechnik basiert wie unser geliebtes Zigbee, aber von Grund auf IP-fähig ist. Der Clou: Jedes strombetriebene Thread-Gerät reicht das Signal an seine Nachbargeräte weiter, wodurch das Netz mit jedem zusätzlichen Gerät wächst und stabiler wird. Damit dieses Thread-Netzwerk aber überhaupt mit eurem normalen WLAN kommunizieren kann, braucht es einen „Border Router“. Die gute Nachricht: Den habt ihr oft schon unbemerkt zu Hause stehen. Ein Apple TV 4K, ein HomePod mini oder neuere Echo-Geräte übernehmen diesen Job klaglos. Für uns HA-Nutzer ist hier natürlich vor allem der offizielle Home Assistant Connect ZBT-2 Stick extrem relevant.
Praxis: Einrichtung und Multi-Admin
Die Ersteinrichtung eines Matter-Geräts ist erfreulich standardisiert und simpel: Ihr scannt einen QR-Code oder tippt einen elfstelligen Zahlencode ein. Euer Smartphone verbindet sich dann kurz per Bluetooth Low Energy (BLE) mit dem Gerät und überträgt die Zugangsdaten für euer WLAN oder Thread-Netzwerk natürlich komplett verschlüsselt. Sobald das erledigt ist, wird Bluetooth nicht mehr benötigt und die gesamte Kommunikation läuft ab sofort über IP.

Eines der absoluten Killer-Features im Alltag ist dabei Multi-Admin. Ein Matter-Gerät lässt sich völlig problemlos mit mehreren Ökosystemen gleichzeitig verbinden – also beispielsweise zeitgleich in Apple Home UND Home Assistant nutzen. Jedes Ökosystem bekommt dafür sein eigenes, kryptografisch abgesichertes „Fabric“ (Gewebe/Struktur) direkt auf dem Gerät gespeichert. Wollt ihr also später ein zweites System hinzufügen, müsst ihr nicht wieder ganz von vorne anfangen.
Was konnte Home Assistant eigentlich schon vorher?
Hier kommen wir an den Punkt, an dem ich als Home-Assistant-Verfechter regelmäßig mit den Augen rolle. Home Assistant bot schon Jahre vor der Erfindung von Matter eine komplett lokale, cloud-freie Anbindung für Zigbee (über ZHA oder Zigbee2MQTT) und Z-Wave (über Z-Wave JS). Dazu kommen über tausend native Integrationen mit direkter, lokaler API-Anbindung.
Lokalität und Cloud-Unabhängigkeit waren schlichtweg nie ein Problem, das Home Assistant lösen musste. Unsere Plattform konnte das alles schon vorher – ganz ohne riesige Allianz und ganz ohne teures Marketing-Logo auf der Verpackung.
Wenn sich nun also Amazon, Apple und Google auf die Schulter klopfen und verkünden, sie hätten die Smart-Home-Fragmentierung im Alleingang gelöst, fühlt sich das für mich streckenweise mehr wie ein verdammt cleverer Marketing-Stunt an als wie eine echte technische Revolution. Da feiern sich drei Großkonzerne für etwas, das eine passionierte Open-Source-Community ganz nebenbei längst selbst gebaut hatte.
Aber ich will fair bleiben: Was auch Home Assistant nicht ohne Weiteres lösen konnte, waren Geräte, die schlichtweg keine offene lokale API besaßen. Geräte, die zwanghaft nur über die Hersteller-Cloud oder eine geschlossene Anbindung an die großen Plattformen funktionierten. Und genau hier glänzt Matter: Diese Geräte werden jetzt standardisiert und lokal zugänglich, ohne dass Entwickler aus der Community jede einzelne Anbindung mühsam reverse-engineeren müssen.
Mein Zwischenfazit lautet daher: Matter ist nicht die Neuerfindung des Rads. Es ist vielmehr ein genialer Universal-Adapter für all die Geräte, die bisher stur ihr eigenes, geschlossenes Ding gemacht haben.
Wie Home Assistant aktiv an Matter mitbaut
Home Assistant sitzt bei der ganzen Entwicklung ĂĽbrigens nicht nur auf der Zuschauerbank, sondern mischt aktiv mit. Nabu Casa, das Unternehmen hinter der HA-Cloud (und finanziert unter anderem durch eure Cloud-Abos), ist selbst offizielles Mitglied der CSA.
Der bisherige Matter-Server von Home Assistant lief auf Python in Kombination mit dem offiziellen C++-SDK. Mit dem Release von Home Assistant 2026.7 (am 1. Juli 2026) gab es hier aber einen gewaltigen Umbruch: Der Server läuft nun komplett neu auf matter.js, einer TypeScript-Implementierung. Diese wurde ursprünglich von Ingo Fischer entwickelt, der mittlerweile sogar hauptamtlich als Lead Developer of Matter bei der Open Home Foundation arbeitet.
Das bringt uns ganz konkrete Verbesserungen im Alltag: Vollen Support für Matter 1.5.1 (endlich inklusive Kameras und Türklingeln), spürbar schnellere Reconnects, eine automatische Prüfung auf widerrufene Sicherheitszertifikate beim Einrichten und – für die Nerds unter uns – eine wunderbare grafische Netzwerk-Visualisierung für Thread und WLAN.
Die offiziellen Statistiken sprechen für sich: Matter läuft mittlerweile in rund 38 Prozent aller Home-Assistant-Installationen und belegt damit Platz zwölf der beliebtesten Integrationen. Der Standard ist in unserer Community also längst Realität geworden, ob mir das nun gefällt oder nicht.
Vorteile und Kritik im Ăśberblick
Damit das hier kein einseitiges Bashing wird, fassen wir erst einmal den fairen Teil zusammen. Das sind die echten, spĂĽrbaren Vorteile von Matter:
- HerstellerĂĽbergreifende Steuerung ohne nervigen Bridge-Wildwuchs.
- Lokale Kommunikation komplett ohne Cloud-Zwang.
- Multi-Admin fĂĽr die parallele Nutzung in mehreren Apps.
- Von Grund auf sicher: VerschlĂĽsselung wurde von Anfang an mitgedacht.
- Thread: Ein stromsparendes und extrem robustes Funknetz.
- Aktive Weiterentwicklung mit einem stetig wachsenden Gerätekatalog.
Und jetzt zur realen Kritik, denn es ist nicht alles Gold, was glänzt: Längst nicht jede Geräte-Funktion läuft auch über Matter. Viele spannende Extras bleiben weiterhin in den Apps der Hersteller exklusiv eingesperrt. Wer ältere Zigbee- oder Z-Wave-Geräte nutzt, kann diese meist nur über eine Bridge in die Matter-Welt „übersetzen“ lassen, aber nicht nativ einbinden – ausgerechnet der Standard, der alles vereinfachen und vereinheitlichen sollte, braucht an dieser Stelle also selbst wieder einen Übersetzer. Zudem ist die Thread-Einrichtung in der Praxis manchmal noch hakelig, der Katalog der unterstützten Geräte wächst erst nach und nach, und letztlich sind wir darauf angewiesen, dass Hersteller Firmware-Updates für Matter überhaupt zur Verfügung stellen – was bei älteren Geräten oft Wunschdenken bleibt.
Mein Fazit
Für mich bleibt Matter zu großen Teilen ein geschickt inszenierter Marketing-Stunt der ganz großen Player – schick verpackt unter dem Deckmantel „Wir retten euer Smart Home“. Dabei hatten wir als Home-Assistant-Community mit ZHA, Z-Wave JS und unseren abertausenden lokalen Integrationen den Großteil dieser Probleme längst selbst gelöst.
Aber: Überall dort, wo Matter bisher komplett abgeschottete Geräte endlich lokal zugänglich macht und euch durch Multi-Admin echte Freiheit bei der Wahl eures Ökosystems gibt, ist der Standard ein handfester – wenn auch kein absolut revolutionärer – Fortschritt. Der vollmundige Marketing-Claim lautete „ein Standard für alles“. Die Realität sieht eher aus wie „ein Standard für vieles, mit einigen Sternchen im Kleingedruckten“.
Jetzt seid ihr dran: Wie seht ihr das? Schreibt es mir gerne unten in die Kommentare oder diskutiert mit uns drĂĽben im Forum. Ich bin wirklich gespannt, ob ihr das Thema genauso kritisch seht wie ich, oder ob ihr mich einfach nur fĂĽr einen alten Zyniker haltet!
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